Kurztext · Audio
Verhältnismäßig Zuviel
Wir halten unsere Moral für stabil. Oft hatten wir nur das Glück, nie persönlich getroffen zu werden. Tinas Glück ist gerade vorbei.
Audiofassung
Die Feierlichkeiten tobten. Stimmen, Lachen, Gläserklirren. Der große Speisesaal vibrierte unter all dem Leben, dem Gold, der Gier. Zwischen den Gästen glitten Harveys Mädchen wie einstudiert durch den Raum.
Tina bemerkte Danjela ein paar Tische weiter. Sie bewegte sich schnell, ein bisschen zu federnd, fast tänzelnd. Ein Tablett in der Hand, ein kurzes Lächeln und wieder weg. Sie war wie ein Sonnenstrahl in einem Raum voller Schatten. Und das war es, was Tina an ihr mochte. Sie sah ihr nach, und für einen Moment fühlte sich alles ein kleines Stück leichter an.
Tina saß am Tisch, beobachtete, schwieg. Harvey neben ihr, lässig am Kopf der Tafel. Das zufriedene Lächeln auf seinen Lippen wirkte beiläufig, fast zärtlich, aber sie wusste, dass es mehr war. Eine Geste. Eine Botschaft. Sie gehörte wieder zu ihm. Das Gefühl von Zugehörigkeit verflüchtigte sich jedoch schnell. Ein anderes Gefühl blieb: die erdrückende Macht, die überall in der Luft lag. Und dann die Blicke, die unausgesprochenen Regeln, die Feindschaft.
Dann der Schrei.
Er traf Tina mit voller Wucht und riss sie aus ihren Gedanken. Danjela stand an einem der Tische. Der Kopf rot, die Augen geweitet, die Hände zitternd, als sie versuchte, ihre Brüste mit den Resten ihrer Bluse zu bedecken. Ihre Finger krallten sich in den dünnen Stoff. Die Knöpfe lagen verstreut auf dem Boden, wie kleine verlorene Zeugen. Tina starrte, konnte sich nicht rühren, nicht glauben, was sie sah. Ein paar Gäste kicherten irgendwo. Dann dieses Lachen. Laut. Prahlerisch.
Ein älterer Mann im Anzug. Tina erstarrte. Das Begreifen kam langsam. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Danjela stand da. Halb bedeckt, halb erstarrt, gänzlich entblößt.
Plötzlich hatte sich irgendetwas verschoben.
Es war still geworden.
Und Harvey stand. Unausweichlich. Unverrückbar. Wie ein Urteil. Eis in der Stimme: „Hector.“
Der Mann richtete sich auf, grinste. „War doch nur Spaß.“ Er lachte wieder. Diesmal allein.
Harvey schwieg. Dann drehte er sich um, zog sein Jackett aus, legte es Danjela um. Zärtlich. Wischte ihr eine Träne ab. Tina fühlte es. Alles.
Zurück an seinem Platz. „Was glaubst du, kostet es dich, eines meiner Mädchen anzufassen?“ Seine Stimme war schneidend.
„Ach was … dein neues Spielzeug ist einfach zu schüchtern!“
Harvey packte Hector an der Krawatte, riss ihn mit einem Ruck auf den Tisch. So schnell, dass dieser nicht reagieren konnte. Der Raum keuchte auf.
Harveys Fuß auf seinem Nacken. „Wie willst du dafür bezahlen?“
„Was verlangst du?“
„Wie wär’s mit deinem Leben?“
Nichts rührte sich.
„Es … tut mir leid.“
Harvey wandte sich Danjela zu. „Verzeihst du ihm?“
Ihre Reaktion war kaum sichtbar. Tina spürte den Knoten in ihrer Brust.
Harvey nickte. „Gut. Aber ich will dir eine Lektion erteilen. Euch allen.“
Schockstarre.
Er griff nach der Champagnerflasche, goss sich ein Glas ein. Hob es. Trank. Dann zerbarst die Flasche auf Hectors Hand. Ein Aufschrei. Blut. Splitter. Der Mann sackte weg, kreischend. Harvey blickte nicht zurück.
Als Hector hinausgeschleift wurde, sah Tina einfach zu.
Diese Härte sorgte einst für Distanz. Doch jetzt blieb sie. Vor einem Jahr hatte sie Harvey wegen dieser Brutalität verlassen. Jetzt war eine Freundin das Opfer. Und dafür wollte sie Hector bluten sehen.
Nicht, weil sie sich verändert hatte, sondern weil das Leben sie zwang, ihre eigenen Grenzen zu verschieben. Weil das Opfer Hand an eine Freundin gelegt hatte.
Und das war es, das sie schockierte: Dass sie ihn jetzt verstand. Dass sie es richtig fand.
So wie du.