Schuld der Apathie
Der Regen peitschte gegen die Fenster, während Harvey auf dem Sofa saß. Nur ein kleines Feuer im Kamin erhellte den Raum.
Wäre sein Vater nicht noch wach gewesen, Harvey hätte geschaudert. Das düstere Wohnzimmer wirkte mit den tanzenden Schatten unheimlich auf den Zwölfjährigen.
Er hatte sich vor wenigen Minuten ins Wohnzimmer geschlichen und es sich leise im Rücken des Vaters gemütlich gemacht, als das Krachen von splitterndem Holz die Ruhe zerriss.
Seinem Vater fiel das Tablet aus den Händen, als er aufsprang.
Mehrere maskierte Männer stürmten ins Zimmer. Ohne ein Wort schlugen sie Möbel beiseite, einer stieß Harveys Vater zurück, während drei von ihnen begannen, alles zu durchwühlen.
Schritte auf dem Flur. Unrhythmisch. Stolpernd. Dann wurde seine Mutter ins Licht geschleift. Ihr Blick sprang von Gesicht zu Gesicht. Die Augen verengt, die Lippen zwei schmale Linien.
Für einen Moment versagten Harveys Lungen. Er zog die Knie fest an seine Brust, aber erst als ihn ihr Blick traf, gelang es ihm, weiterzuatmen.
Die Eindringlinge blätterten Akten durch. Ließen sie fallen. Griffen die nächsten. Der Größere sah Harvey nur an.
Hinten fluchte jemand. „Irgendwo muss es doch stehen.“
Harveys Vater hob leicht die Hände. „Wenn ihr mir sagt, was ihr sucht, vielleicht kann ich …“
Die Ohrfeige kam kurz. Hart. Ließ ihn schwanken.
Sie rissen alles aus den Regalen, was nach Information aussah. Papiere flogen durch die Luft.
Harvey hielt die Knie an die Brust gepresst und wartete. Seine Mutter begann sich zu wehren. Sie schlug nach hinten. Traf. Aber es brachte ihr nichts.
Der Mann drückte sie zu Boden.
„Lasst sie los, bitte!“ Harveys Vater machte einen unsicheren Schritt. Die Stimme laut, aber ohne Halt.
Seine Mutter schrie. Biss. Trat.
Sein Vater sah zu.
Harvey wartete darauf, dass dazwischen ging. Dass er sie rettete. Doch dann sah er seine Hände.
Sah das Zittern.
Die Angst.
Er wurde zur Seite gestoßen, als wäre er nichts.
Ungläubig starrte Harvey auf seinen reglosen Vater.
Übelkeit.
Dann sprang Harvey hoch, warf sich auf den Mann am Boden.
Schlug. Kratzte. Biss.
Kinderfäuste. Kinderzähne.
Wirkungslos.
Aber er gab nicht auf. Immer wieder prügelte er auf ihn ein. Bis der Mann ihn abschüttelte.
Harveys Kopf traf die Wand. Hart.
Dann war nichts mehr.
Stille wurde zu Rauschen. Lauter.
Es dröhnte in seinen Ohren.
Etwas drückte gegen seinen Schädel.
Die Wand war noch da. Die Männer nicht mehr.
Er blinzelte, hob den Kopf ein Stück.
Überall waren Papiere, Glasscherben und … Blut.
Seine Mutter wehrte sich jetzt nicht mehr.
Ein Messer zwischen den Rippen hatte ihren Widerstand gebrochen.
Sein Vater kniete neben ihr.
Reglos. Noch immer.
Am Rande seines Blickfelds nahm er zwei Paar Stiefel wahr.
Er versuchte, sich zu konzentrieren.
Stimmen.
Jemand fragte … irgendwas.
Langsam kam er auf die Beine.
Ein Schritt. Noch einer.
Er stolperte an seinem Vater vorbei und trat vor die Beamten.
Beantwortete ihre Fragen.
Schilderte, was passiert war.
Und warf zwischendurch verächtliche Blicke auf das, was da neben seiner Mutter kniete, die ihn nie so enttäuscht hatte, wie er.
Sein Blick blieb kurz an ihm hängen.
Harvey ballte die Fäuste.
Seine Fingernägel gruben sich in die Handflächen, der Kiefer angespannt.
Nie würde er so versagen.
Beim nächsten Mal werden diese Kinderfäuste wehtun!