Kurztext · Audio
Auf der Couch mit Gott
Frank trauert nicht. Frank rechnet ab. Wer sich allmächtig nennen lässt, soll sich auch allumfänglich verantworten.
Audiofassung
Frank seufzte, als er der Wohnungstür mit dem Fuß den nötigen Schwung gab, um sie hinter sich zu schließen. Er lockerte die schwarze Krawatte, trat sich die Lederschuhe von den Füßen und öffnete sein Sakko.
Als Frank im Schlafzimmer ankam, hatte er auch das tiefgraue Hemd bereits so weit geöffnet, dass er es einfach über die Schultern abstreifen konnte. Die Schranktür gab ein leises Quietschen von sich, als er sie öffnete, um den Kleidersack herauszunehmen.
Erst die Hose über den Bügel, dann das Hemd, das Sakko und am Ende die Krawatte dazu. So würde es nun da hängen. Wartend. Lauernd. Bis es wieder gebraucht wurde. Bis ihn wieder eine traurige Botschaft erreichte.
Er seufzte.
Franks Blick fiel auf das Doppelbett. Ein Kissen, das deutlich den Abdruck eines Kopfes zeigte, und eine halb aufgeschlagene Decke. Das war alles. Die andere Hälfte war schon seit zwei Jahren unbenutzt. Er wischte mit dem Handrücken über seine Wange, nachdem er das Hochzeitsfoto einen Moment zu lange angesehen hatte.
Dann verzog er das Gesicht. Die Stirn legte sich in Falten. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Kiefer knackte, als er zu mahlen begann. Er machte einen Schritt auf das Bild zu. Griff danach. Mit einem Ruck riss er die Kette vom Rahmen. Sein Daumen strich über das staubige Glas, hinter dem ihn seine verstorbene Frau anlächelte. Behutsam stellte er es wieder zurück.
Er seufzte.
Frank ging die zehn Schritte, die ihn in die Küche führten. Seine Finger strichen dabei über jede einzelne Perle der Kette in seiner Hand. Seine Lippen bewegten sich nicht. Ohne zu zögern öffnete er den Spülschrank, trat das Pedal des Mülleimers und ließ den Rosenkranz fallen.
Sein Blick richtete sich nach oben. Er spannte seine Muskeln an.
„Was willst du dagegen tun?“
Sein Atem beschleunigte sich. Fingernägel gruben sich in seine Handflächen.
„Wusst’ ich’s doch.“
Er seufzte.
Wenig später saß Frank in seinem Fernsehsessel. Die Fernbedienung lag auf dem Tisch. Das Gerät war aus. Sein Atem wurde ruhig. Die Augen geschlossen, die Hände vor der Brust verschränkt.
„Du hast also etwas mit mir zu klären, Frank?“
Frank öffnete die Augen. Er drehte den Kopf zur Couch und betrachtete den Mann, der dort saß. Seine Augenbrauen hoben sich.
„Kommst du jetzt, um mich zu holen?“
Der Fremde lächelte. „Ich komme nur, um zu reden.“
„Vielleicht ist genau das das Problem. Du redest, aber tust nichts. Nicht für mich. Sie schimpfen dich allmächtig. Allgegenwärtig. Aber ich seh dich nicht mehr. Und ich spür dich nicht mehr.“
Das Lächeln im Gesicht des Fremden verschwand. Er beugte sich nach vorn, nahm die Fernbedienung zur Hand und schaltete ein.
Nach zwei Kanalwechseln erfüllte Kinderlachen den Raum. Frank wandte seine Aufmerksamkeit dem TV-Gerät zu. Es zeigte einen großen Spielplatz. Unzählige Kinder liefen herum, spielten und lachten.
„Siehst du mich, Frank? Ich hab das gemacht.“
Und Frank sah, dass es gut war.
Der Fremde wechselte erneut den Kanal. Wasser rauschte, Vögel zwitscherten. Frank sah aufmerksam hin. Er erkannte den Amazonas mit all seiner Artenvielfalt.
„Siehst du mich? Ich hab das gemacht.“
Und Frank sah, dass es gut war.
Ein weiterer Wechsel, und schrilles Babygeschrei drang aus dem Fernseher. Frank sah nicht zum ersten Mal eine Geburtsszene. Das Neugeborene schrie, bevor es der Mutter an die Brust gelegt wurde.
„Siehst du mich, Frank? Ich hab das gemacht.“
Und Frank sah, dass es gut war.
Der Fremde legte die Fernbedienung zurück.
„Ich bin allgegenwärtig. Ich bin allmächtig. Du hast nur verlernt, genau hinzusehen.“
Frank seufzte.
Dann stand er auf, griff sich die Steuerung und wählte einen anderen Kanal. Das schrille Heulen einer Kurzstreckenrakete ließ die Gläser auf dem Tisch vibrieren. Der Knall, der folgte, als ein Wohnhaus in einem Feuerball verschwand, war ohrenbetäubend.
„Siehst du das? Du hast das gemacht.“
Frank wechselte auf ein anderes Programm. Menschen, so dünn, dass man ihre Rippen hätte zählen können, durchsuchten eine Müllhalde nach Essbarem. Die Region drumherum war ausgetrocknet. Verdorrt. Tot.
„Siehst du das? Du hast das gemacht.“
Frank drückte eine weitere Taste. Schreie drangen aus dem Gerät. Schreie von Müttern, aber vor allem von ihren Babys. Babys, die durch Schläuche mit Maschinen verbunden waren. Neugeborene, blass, schwach, im Kampf ums Überleben. Ein Arzt verließ gerade die HIV-Station.
„Siehst du das, oh allmächtiger Gott?“
Gott sah es.
Und er sah, dass es gut war.
Frank seufzte.