Keiner zu viel
Drei Monate zuvor
Der Stadtplatz war voll wie nie. Überall flatterten Fahnen, Luftballons stiegen in den Himmel, und Kinder liefen zwischen den Ständen herum. In der Mitte stand die neue Attraktion: eine riesige, digitale Anzeigetafel, rot leuchtend in der Abendsonne.
9999.
Ein Raunen ging durch die Menge. Dann die Stimme des Bürgermeisters aus den Lautsprechern:
„Meine Damen und Herren, es ist so weit. Wie mir unser Krankenhaus mitteilte, erreichen wir in kürze unser Ziel.”
Es wurde still auf dem Platz. Alle Anwesenden schauten stumm auf die Anzeige.
Dann: Ein schriller Ton. Die Anzeige sprang um.
10000.
„Die 10.000. Einwohnerin ist geboren!“ rief der Bürgermeister von Sonnenfeld.
Jubel brandete auf, Trompeten stießen einen schmetternden Fanfarenstoß in den Himmel, und irgendwo zündete jemand eine kleine Batterie Feuerwerk, die im Dämmerlicht glitzerte.
„Ab heute,“ fuhr er fort, „gehören wir offiziell zu den Mittelstädten unseres Landes. Das bedeutet: mehr Fördergelder, mehr Möglichkeiten – und, nicht zu vergessen, ein Stückchen mehr Stolz für uns alle!“
Ben wandte sich seiner Frau zu: „Wir waren knapp dran, Liebling. Nur eine Woche und wir wären das berühmte Paar geworden.“ Er streichelte Tinas runden Bauch und küsste sie auf die Stirn.
Landesklinikum Sonnenfeld
„Noch einmal pressen, Maria, du schaffst das!“, rief die Ärztin. Die Monitore piepsten im Takt, Hebammen hasteten hin und her. Alles war bereit für den großen Moment.
Doch plötzlich… Stille.
Von einem Moment zum nächsten. Die Wehen hörten auf.. Die Ärztin blickte auf die Monitore. Der Wehenschreiber schwieg. Sie runzelte die Stirn. Begegnete weiteren fassungslosen Gesichtern.
Die Tür des Kreißsaals öffnete sich. Eine weitere Hebamme kam herein, lächelnd, fast feierlich.
„Habt ihr’s schon gehört? In Kreißsaal drei kam gerade unser zehntausendstes Stadtmitglied zur Welt.“
Maria starrte sie nur an.
Heute
Tina rutschte unruhig auf dem Papierbezug der Untersuchungsliege herum, die Hände über dem Bauch gefaltet. 11 Wochen über Termin.
„Alles in Ordnung“, hatte Dr. Meier gesagt. Wieder einmal. Es war bereits die fünfzehnte Untersuchung seit dem Stichtag, und jedes Mal klang er so, als müsse er sich selbst überzeugen.
Das CTG hatte brav kleine Wellen gemalt. Herzschlag stabil. Keine Anzeichen für Komplikationen. Alles wie es sein sollte. Nur: keine Wehen.
„Ihr Baby ist kerngesund“, sagte er, „es scheint einfach… zu warten.“
Tina nickte, lächelte gequält. Natürlich mussten sie warten. Als hätte sie nicht längst angefangen, die Stunden zu zählen.
Sie verließ den Untersuchungsraum. Draußen im Flur huschte eine Krankenschwester vorbei. Im Wartebereich blätterte eine junge Frau nervös in einer Zeitschrift. Der Bauch groß, das Gesicht müde.
Tina zog ihre Jacke an und ging. Als sie am Stadtplatz vorbeikam, blieb sie kurz stehen, sah hinauf zur Anzeigetafel.
10 000
Unverändert. Seit drei Monaten. Manchmal flackerte sie kurz in Richtung 9999. dann wussten sie: Jemand war gestorben. Jemand wurde geboren.
Tina nahm den längeren Weg nach Hause, einfach um nicht direkt wieder in die Wohnung zu müssen.
Die Straße führte sie bis an den Stadtrand, wo hinter einer letzten Reihe alter Kastanienbäume die Barrikaden standen.
Vor zwei Monaten hatte die Regierung sie errichtet. In der offiziellen Mitteilung hieß es, um eine „mögliche Seuche“ einzudämmen.
Dahinter ragten Betonquader, rot-weiße Sperrbalken, Stacheldrahtrollen. Zwei Soldaten in sandfarbenen Uniformen standen mit verschränkten Armen, die Gewehre locker vor der Brust.
Ein Militär-Lkw brummte im Leerlauf, Abgase zogen wie graue Bänder in den Abendhimmel.
Tina blieb nicht stehen.
Früher war hier der Weg zu ihrem Lieblingscafé im Nachbardorf. Jetzt waren da nur Absperrungen – und Blicke, die deutlich machten, dass man besser nicht zu lange hinsah.
Einer der Soldaten runzelte die Stirn und legte eine Hand an die Kappe, so wie man es tut, wenn man jemanden erkannt zu haben glaubt.
Tina zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher und beschleunigte ihre Schritte.
Hinter ihr knackte das Funkgerät des Soldaten, ein kurzes, undeutliches Rauschen.
Als sie die Wohnung betrat, roch es nach Kaffee. Ben saß am Küchentisch, die Ellbogen aufgestützt, vor sich die Lokalzeitung. Die Titelseite zeigte wieder einmal das Foto vom Stadtplatz, mit der Anzeigetafel im Hintergrund.
„Warst du wieder beim Arzt?“ fragte er, ohne hochzusehen.
„Mhm.“
„Und?“
„Alles in Ordnung. Wie immer.“
Ben blätterte um, schüttelte den Kopf.
„Hast du heute schon die Nachrichten gehört?“
„Nein. Warum?“
„Du erinnerst dich an Dr. Hakish?“
„Der, den sie entlassen haben?“
„Genau der. Es heißt, er hat letzte Nacht einen Kaiserschnitt durchgeführt. In seiner ‚Praxis‘ “
„Was? Nicht dein Ernst.“
„Doch. Ich weiß nicht, wie sie ihn dazu gebracht haben, aber er hat’s gemacht.“
„Und?“
„Es erwischte ausgerechnet den Vater. Herzinfarkt.“
Tina sah ihn schweigend an. Auch sie hatte schon mit dem Gedanken gespielt. Und manchmal schreckte sie auch der Gedanke, dass dafür jemand sterben würde, nicht.
Ben legte die Zeitung flach auf den Tisch, strich mit der Hand über die Schlagzeile und las mit betonter Langsamkeit:
„Nach neuesten internen Zahlen sind inzwischen mehr als zwanzig Frauen in Sonnenfeld über ihren Geburtstermin hinaus. Einige bereits seit mehr als zwei Monaten.“
Er hob den Blick, als wolle er prüfen, ob die Worte bei ihr einschlugen.
Tina drehte sich weg. Sie zog die Jacke enger um sich, obwohl es in der Küche warm war.
Die Tage danach verliefen unspektakulär. Wenn man davon absah, dass nichts, wirklich gar nichts, passierte. Keine weiteren Geburten, keine Todesmeldungen. Die Anzeige auf dem Stadtplatz glomm unbeeindruckt bei 10 000. Manchmal meinte Tina, selbst das rote Licht wirke müde, als hätte es längst genug von der Zahl.
Sie ging zum Arzt, kam wieder nach Hause, wusch Wäsche, hörte den Nachbarn durchs dünne Treppenhaus telefonieren. Im Supermarkt grüßte man sich kurz, sonst sprach kaum jemand länger als nötig. Alles fühlte sich an wie ein einziger, gedehnter Tag.
An einem späten Nachmittag entschied Tina, wieder den langen Weg nach Hause zu nehmen. Der Pfad führte am Stadtrand entlang, unter den ausladenden Kronen der Kastanien hindurch. Dahinter lag die Barrikade – und heute fiel ihr sofort auf, dass dort etwas anders war.
Soldaten liefen hastiger als sonst, ihre Schritte hart und klirrend auf dem Asphalt. Kisten wurden aus Zelten getragen, Planen zusammengefaltet, Funkgeräte knackten in kurzen, abgehackten Sätzen. Ein Lkw tuckerte im Leerlauf, während zwei Männer Kisten mit grellgelben Symbolen auf die Ladefläche wuchteten.
Tina blieb einen Moment stehen, als könnte sie die Szene so besser verstehen. Irgendetwas lag in der Luft – nicht bedrohlich wie ein Schuss, sondern unruhig, kribbelnd, wie ein aufziehendes Gewitter.
Als sie weiterging, hörte sie noch immer das Klacken der Gewehrgurte und das metallische Scheppern von verrutschendem Gerät. Kurz vor der nächsten Straßenecke heulte plötzlich eine Sirene los. Lang, gellend, durchdringend. Sie zuckte zusammen.
Dann, mit einem hässlichen Knacken, erwachten die Lautsprecher zum Leben:
„Alle Bürger begeben sich umgehend in das unterirdische Schutzsystem. Folgen Sie den Anweisungen der Einsatzkräfte. Wiederhole: Alle Bürger begeben sich sofort in das unterirdische Schutzsystem.“
Menschen strömten aus den Häusern, einige mit Rucksäcken, andere nur mit dem, was sie gerade in den Händen hielten. Eine Frau trug einen Wäschekorb voller Kinderkleidung, als hätte sie keine Zeit mehr gehabt, ihn abzustellen.
Der Himmel hing bleiern über der Stadt, und zwischen den Hauszeilen blitzten die rot-blauen Lichter der Einsatzfahrzeuge.
Tina ließ sich von der Menge treiben. Überall schrien die Lautsprecher dieselben Sätze, wieder und wieder, bis die Worte ihre Bedeutung verloren und nur noch als Druck in den Ohren blieben. Ein Polizist wies mit knappen Gesten den Weg, ein anderer tippte hektisch auf einem Klemmbrett.
Vor dem Rathausplatz hatte sich eine unruhige Menschenmenge versammelt. Kinder klammerten sich an die Hände ihrer Eltern, ältere Leute standen dicht beieinander, manche mit Jacken über den Schultern, andere nur in Hausschuhen.
Auf einer provisorischen Plattform aus Holzbrettern stand der Bürgermeister neben zwei Uniformierten. Ein tragbarer Lautsprecher kratzte, dann seine Stimme:
„Liebe Bürgerinnen und Bürger von Sonnenfeld. Wir haben soeben die Anweisung der Landesregierung erhalten, das Schutzsystem in Betrieb zu nehmen. Es handelt sich um eine vorsorgliche Maßnahme. Ein Laborunfall in der Region macht es notwendig, dass Sie sich für eine unbestimmte Zeit unterirdisch aufhalten. Bitte bleiben Sie ruhig und folgen Sie den Anweisungen unserer Einsatzkräfte.“
Seine Worte wurden immer wieder vom Rufen der Soldaten überlagert, die versuchten, die Menge in geordnete Reihen zu bringen. Hinter der Plattform führte eine schmale Rampe zwischen Betonwänden hinab zu einer schweren Metalltür. Kein imposanter Bau, eher wie ein Nebeneingang zu einem alten Keller.
Daneben blinkte schwach das rote Licht der Anzeigetafel. 10 000.
Tina ließ sich mit den anderen die Rampe hinunterdrängen. Das Scharnier der Metalltür quietschte, als ein Feierwehrmann sie aufstemmte. Drinnen roch es nach kaltem Beton und abgestandener Luft. Sie trat ein, blinzelte im Halbdunkel.
Gleich links an der Wand hing ein schmales Metallschild, kaum größer als ein Briefkasten. Darauf stand:
Kapazität: maximal 10 000 Personen
Sie blieb stehen. Das Gedränge schob sie fast dagegen, und sie trat hastig einen Schritt zur Seite. Noch einmal las sie die Worte, diesmal langsamer.
Dann hob sie den Kopf, sah zurück zur Tür – und darüber hinaus, dorthin, wo draußen auf dem Rathausplatz die Anzeigetafel unbeirrt in rotem Licht leuchtete.
10 000.
Und plötzlich war sich Tina nicht mehr sicher, ob sie weiter hineingehen sollte.