Und nebenbei Held

Und nebenbei Held

Harvey stand im Schatten des Hinterhofs. Das Jackett halb offen. Der Atem schwer vom Alkohol. Der Lärm der Bar verklang hinter ihm. Nur das Tropfen einer undichten Regenrinne blieb. Vor ein paar Stunden hatte er begonnen, den Abschluss seines Jurastudiums zu feiern.

Er lachte leise über die Idee, die Brauerei zu verklagen, die ihn in diesen Zustand gebracht hatte. Dann beugte er sich würgend zwischen zwei Mülltonnen und übergab sich. Als er sich den Mund abwischte und weiterging, prallte er in jemanden.

„Sorry, Mann“, murmelte er. Eine zitternde Frauenstimme antwortete: „Hilf mir.“

Er versuchte, sich zu fokussieren. Drei Männer, etwa fünf Meter entfernt. Einer hielt eine pinke Handtasche und suchte darin offensichtlich etwas.

„Die passt aber so gar nicht zu deinen Schuhen“, warf Harvey ihm zu.

Die anderen beiden folgten der Frau in seine Richtung. Sie blutete am Knie. Das Kleid war aufgerissen. *Ein Raubüberfall. Vielleicht mehr.*

Harvey machte einen Schritt vor. „Stell dich hinter mich“, sagte er leise. Sie gehorchte.

Drei gegen einen. Mein Trainer wäre stolz, wenn er mich jetzt sehen könnte. Tief stehen. Ruhig atmen. Den ersten ausschalten, bevor sie überhaupt wissen, was los ist.

Der erste Schlag kam hart. Seine Nase knackte.

Zu langsam. Scheiß Suff.

Dann der Tritt in den Magen. Sein Gesicht am Asphalt. Blutgeschmack auf der Zunge.

Er sah den losen Backstein.

Perfekt.

Er riss ihn hoch. Traf Finger. Dann Schläfe. Der Mann sackte lautlos zusammen.

Die anderen zögerten. Einer rannte los. Harvey ließ ihn stolpern. Packte ihn am Hinterkopf. Knallte ihn gegen die Mauer.

Durchatmen. Zwei erledigt.

Ein kurzer Blick zu der Frau.

Mit etwas Glück hatte noch keiner versucht, sich zu nehmen, was mir zusteht.

Der letzte trat vor. Zog ein Messer. „Überlass mir die Kleine, dann kannst du gehen.“

Harvey drehte den Kopf. Sie kauerte an der Wand. *Verängstigt. Zart. Hübsch. Zerzaust, aber nicht gebrochen.*

„Wohl kaum.“

Der Kerl stach zu.

Jetzt gilt’s. Wie im Training.

Harvey blockte. Traf die Niere. Dann das Kinn. Der Mann fiel. Harvey setzte nach. Knie. Fäuste. Wut. Nicht wegen ihr. Nicht wegen ihm. Einfach Wut.

Er schlug, bis ihn jemand zurückzog.

„Harvey. Was zur Hölle machst du.“ Thomas’ Stimme. Eine Ohrfeige. Zurück in der Realität.

„Sie haben mich angegriffen.“

Thomas beugte sich über den Mann. „Scheiße, Harvey. Du hast ihn umgebracht.“

Harvey zuckte mit den Schultern. „Er hat angefangen. Ruf einen Krankenwagen für die zwei anderen.“ Dann hob er die Handtasche auf und wandte sich der Frau zu. „Die gehört dir, oder?“

Sie nahm sie mit zitternden Fingern. „Ich danke dir.“

Er musterte sie. Dann streckte er die Hand aus. „Harvey.“

„Isa“, hauchte sie.

„Wie wärs mit Kaffee? Von mir aus gern ohne Schlägerei.“

„Ein andermal vielleicht. Ich muss gehen.“ Sie drehte sich um und verschwand.

Harvey blieb zurück. Leicht verletzt. Noch immer betrunken. Und fragte sich, wofür das jetzt eigentlich gut war.