Wenn nichts mehr bleibt

Wenn nichts mehr bleibt …

Tom war auf dem Weg zu ihr. 

Er wollte, nein, er musste sie sehen. 

Vor drei Tagen hatte sie aufgehört nach Hause zu kommen. Für ihn machte es keinen Unterschied, ob Stunden, Tage oder Wochen. Sie war weg. 

Er war zu Fuß unterwegs. Nicht, weil er Spaziergänge besonders schätzte, sondern um seine Gedanken zu ordnen. Um nichts Falsches zu sagen, wenn er dann vor ihr stand. 

Der Weg war ihm bekannt. Ohne darüber nachzudenken, bog er ab und passierte das kleine Häuschen, in dem eine Neonröhre unrhythmisch flackerte. Das Gelände dahinter lag offen vor ihm. 

Kies unter den Schuhen, rostige Leitungen entlang der Böschung, irgendwo das stete Brummen einer Pumpe. 

Ein Mann trat einen Schritt in seinen Weg, sagte etwas in seine Richtung. 

Eine Warnung? Vielleicht nur ein Reflex.

Tom ging weiter. 

Eine Hand stemmte sich gegen seine Brust. Er blieb stehen. Bedachte sein Gegenüber mit einem Blick. Spannte die Schultern. Ein Ruf, irgendwo vom Wasser her, ließ den anderen zurückweichen. 

Schade eigentlich.

Tom setzte seinen Weg fort. Die Augen verengt, die Fäuste geballt. Es war nicht mehr weit. Bald wäre er bei ihr. 

Aber was sollte er dann sagen? Dass es ihm leidtat? Würde das reichen? Wäre das ehrlich? 

Er hielt am Geländer. Die Finger schlossen sich darum. Fest. Unbarmherzig. Der Wind trug den Geruch von Schlamm. Das Wasser lag träge und tief. 

Du hast versprochen, bei mir zu bleiben. Für immer. Drei Tage. Ohne Anzeichen. Ohne Erklärung.

Aber dafür war er doch jetzt hier, oder? 

Irgendwo klapperte Metall. Ein Ruck ging durch ein Seil, das über eine Rolle lief. Er sah nicht hin. 

Hast du etwa vergessen, wie gut wir uns gefühlt haben im Krankenhaus? Du hast ihren Namen ausgesucht. Du hast sie zuerst gehalten. Nicht ich. Und ein paar Monate später verlässt du mich? Uns beide. Einfach so?

Er spannte sich an. Das war nicht das, was er sagen sollte. Nicht die Fragen, die er stellen sollte. Vorwürfe würden sie nicht zurückholen. Nur noch weiter vertreiben. 

Aber verdammt, wie konntest du nur so egoistisch sein? Du weißt, wie schwer es mir fiel dir zu vertrauen. Wie viel ich zurückgelassen habe, um bei dir zu sein. Weil du sagtest, du bleibst für immer bei mir. Hast gesagt, du willst eine Familie.

Lügnerin. 

Nicht, weil du gegangen bist. Sondern weil du vorher so getan hast, als wäre das nie eine Option. Ich hab dich nicht darum gebeten. Nicht angefleht, nicht überredet. Du bist von allein gekommen. Und jetzt bist du weg. Einfach so. Zwingst mich hier zu stehen, um auf dich zu warten. Und Danielle? Sie hast du auch verlassen. Ihr hast du auch nichts gesagt. Nicht mal einen verdammten Satz auf Papier. Sie schreit nachts nach dir. Weißt du das? Bedeutet dir das etwas? Ich sag’ ihr, du bist nur kurz weg. Und weiß dabei selbst nicht mehr, wie dein Lachen eigentlich klingt.

Er krallte sich noch fester an das Metall. Es gab nicht nach. War fest. Beständig.

Ein Atemzug. Tief. Noch einer. 

Alle hielten jetzt Abstand. Keiner wollte bei der Explosion dieses Pulverfasses in der Nähe sein. 

Eine Bewegung unter ihm verlangte seine Aufmerksamkeit. Die Taucher. Sie zogen an einem Stück Stoff. 

Jetzt kam auch wieder Bewegung in die Männer neben ihm. Eine Gestalt bahnte sich zu ihm durch. „Mr Northwood, sind Sie bereit, die Leiche Ihrer Frau zu identifizieren?“ 

Aber es war nicht mehr seine Frau. Seit dem Anschlag auf der Brücke, war es nur eine Leiche, die drei Tage lang gesucht wurde.